Portrait VALIE EXPORT: Foto © Hertha Hurnaus, 2009

Elfriede Jelinek

Februar 2009

 

Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen

(ach, Stimme!)

Zu Valie Exports Performancefilm "I turn over the pictures of my voice in my head", 2008

 

Die Stimme ist gerade unterwegs zur Sprache. Sie kann sich dabei nicht aufhalten lassen, sie hält sich ja schon selber auf. Irgendwo muß sie schließlich wohnen. Sie hält sich in der Kehle auf, dort trifft sie die Sprache, und gemeinsam gehen sie dann wieder aus dem Hals hinaus ins Leben. Das ist der Sprache nicht bewußt, denn es interessiert sie nur, was sie zu sagen hat. Die Stimme sagt. Sie sagt sich selbst. Sie sagt nicht etwas auf, und sie sagt sich nicht auf. In dieser Arbeit wird Unbelebtes, ein Fetisch?, ein Gerät, Licht, das es ausleuchten soll, und etwas, das das Sprechen enthalten soll, durch die Nase in den Kehlkopf eingeführt, damit man – in einem erhellenden Vorgang, denn das Licht leuchtet das aus, was beim Sprechen herauskommt (doch dazu würde man ja gar kein Licht brauchen, um einfach nur zu hören) – nach innen schauen kann. Man kann hineinschauen, und es kommt etwas heraus. Man sieht, von wo es kommt. Die Organe der Frau repräsentieren ja nicht, sie können es nicht, dieses Sprechen aber kann das, indem es seine Quelle zeigt, die Stimme. Man sieht bei der Frau: nichts, man schaut in sie hinein, aber man sieht das Nichts, man schaut das Nichts an, das sich selbst repräsentieren muß, weil es kein andrer tut. Dieses Nichts, das die Frau ist, – sie ist ja nicht repräsentationsfähig, in vielen Kulturen wird sie versteckt, was aber unnötig ist, sie ist ja ohnedies schon von je her nichts, warum also ein Nichts auch noch verbergen? – wird durch einen Gang in ihren Körper, kein Gang auf dem man herumsteht oder gemütlich herumgeht, durch einen Gang in diese Höhle also erschlossen, wo man dann aber erst recht nichts sieht, denn die Frau wird durch diesen zugigen Gang, durch den nur ihre Stimme hallt, noch nicht zu einem Etwas. Man kann ihre Öffnungen aufspreizen, damit man das Nichts in der Höhle besser sehen kann, aber da ist eben nichts, wenn man sich vorher nichts hineingedacht hat. Die Frau kann alles sein, aber letztlich trägt sie sich doch immer nur selbst in sich selbst hinein, wenn sie spricht, wenn sie nach außen spricht, wenn sie sich ins Mitteilungsheft, das für keinen Bestimmten bestimmt ist, einträgt, von Anfang an schon aufgetragen, wieder abgetragen und dann im Austrag. Der Letzte trägt sich aus, wenn er diesen Raum verläßt, der dieses Nichts ist. Daher: Niemand verläßt den Raum! Deswegen ist ja auch der Letzte nicht lang geblieben. So wie diese Stimme, die nicht aus dem Nichts kommt, doch woher sie kommt, das sieht man nur ungefähr, man ahnt es mehr, als man es sieht. Nein, umgekehrt, bei Valie Export sieht man die Stimme nicht nur, man wird förmlich drauf gestoßen, von wo sie herkommt. Die Kehle wird ausgeleuchtet, das Bild wird vom Laryngoskop auf den Schirm, der keinem ein Schutz ist, übertragen.

 

Man muß, in einer Art Fetischisierung, das heißt dem Einfügen von Unbelebtem in Belebtes, den andren Eingang der Frau benutzen, oder doch den einen, den Vordereingang? (den sie mit dem Mann gemeinsam hat, was nicht heißt, daß beide denselben Eingang auch benutzen dürften, aber die Stimme, die sich selbst behauptet, beim einen selbstverständlich, indem sie einfach Laut gibt, bei der andren zwar auch, aber das ist keine Selbstverständlichkeit, das Sprechen der Frau wird nicht gehört, es wird in der Öffentlichkeit nicht gern gehört, denn es ist oft unangenehm, es klingt schrill, wir sind das nicht gewöhnt, sie würde ein Gerät benötigen, die Frau, das ihre Stimme etwas dämpft, das ihr ein Hindernis fürs Sprechen schafft, eine Verhinderung von Sprechen, das ihr nicht gestattet ist, diese Stimme ist nämlich unerwünscht. Mehr noch: Sie macht Wünsche kaputt. Eine umgekehrte Kastration, denn für dieses Sprechen wird nicht etwas weggeschnitten und dann zugenäht, sondern etwas hinzugefügt, das dann erst recht ein Hindernis ist. Dafür erschallt es im Haushalt aus allen Ecken und Nischen umso lauter, denn dort muß dann der Mann auf sie hören, sonst hat er die Hölle auf Erden, er hat die Frau zu Hause umso mehr zu fürchten, je mehr er ihr im Öffentlichen den Mund verbietet), egal wo man reinkommt oder welches Loch benutzt wird, durch das etwas gekrochen kommen könnte: Man muß diesen Eingang kennzeichnen, sonst kann er nicht gefunden und aufgesucht werden. Über dem Eingang muß stehen: Ausgang.

 

Was für eine Anstrengung das Sprechen ist, noch dazu in einem Video, das ja zum Anschauen von außen her gedacht ist! In Valie Exports Video wird das Innerste nach Außen gestülpt. Das kann es nicht von allein, das muß erzwungen werden. Die Stimme muß aus einem nach außen hin zur Schau gestellten Kehlkopf kommen. Dazu wird ein Gerät verwendet. Was für eine Anstrengung, die Stimme dann herauszulassen! Die Anstrengung gilt ja meist Dingen und Geschöpfen, die nicht herausgelassen werden sollen. Wilden Tieren? Die Stimme ist das wilde Tier, das nicht nach außen dringen soll, aber hier gilt die Anstrengung dem Ausbruch. Dem Ausbrechen des Stimm-Vulkans. Diese Stimme ist nicht stumm. Diese Stimme soll mit einem Gerät zurückgehalten werden, damit sie studiert werden kann, damit die Stimmbänder bei der Arbeit beobachtet werden können, aber da erzwingt sie sich plötzlich den Ausgang in eine sich nicht öffnenwollende Offenheit! Das Außen ist doch da, bitte, Stimme, komm! Sie kann ja immer kommen, aber nur durch dieses kleine Gerät, daß die Stimm-Schamlippen entblößt, umtost von Speichel, von Säften, die das einzige Repräsentationsmittel der Frau sind, etwas Flüssiges, das man sonst kaum je zu sehen kriegt (umso neugieriger ist man drauf! Man möchte sofort hineinschauen. Bitte – können Sie haben!), durch dieses Laryngoskop bekommt die Stimme ihr Bewußtsein und kann zu wesentlichen Aussagen gelangen, indem sie sie: sagt. Der Kehlkopf ist das Hervorkommen, eigentlich das Hervorkommenlassen, ja, dazu ist er da, er läßt das heraus, was eingesperrt werden sollte, die Stimme, in einer Sprache, die jemand, irgendjemand verstehen muß, ja, muß!, sonst ist sie keine Sprache, und dann ist die Stimme zu nichts nütze, also nur heraus, Sprache! Aus dem ständigen Sichverschließen: heraus und hinaus! Das Schützende muß verlassen werden, und schon läuft es dem Schützen vor die Flinte. Man muß aus der Deckung getrieben werden, ist man Stimme, und brauchte man dazu ein Gerät, das wie die Treiber auf den Busch klopft, um die Stimme von ihrer Heimat, der Kehle, zu trennen und hinauszuscheuchen. Sie muß zu etwas gezwungen werden, diese Stimme, was sie ohndies gerne tut. Das ist die größte Anstrengung: Etwas zu tun, das erlaubt ist und doch wesenhaft von der Welt getrennt. Das bahnt sich jetzt seinen Weg, bevor es ganz weg ist.

 

 

22.2.2009


/</---